am abend kerzen quer

Am Abend werden wir Menschen

Savoir Vivre · Lesezeit ca. 5 Minuten

Es gibt einen Moment, den fast jeder kennt und kaum jemand bemerkt. Man kommt nach Hause, der Tag hängt noch in den Schultern, das Deckenlicht flammt auf, grell und gleichgültig, und der Abend beginnt genauso getaktet wie der Tag, den man gerade hinter sich gelassen hat. Erledigungen, Bildschirme, das letzte Mail. Der Abend wird zur Verlängerung der Arbeit, nur mit anderem Hintergrund.

Dabei war der Abend einmal etwas ganz anderes. Und die Wissenschaft, die uns das zeigt, ist überraschend zärtlich.

Das Lagerfeuer war das erste Wohnzimmer

Die Anthropologin Polly Wiessner hat jahrzehntelang die Ju/’hoansi in der Kalahari begleitet und etwas Bemerkenswertes getan: Sie hat zugehört, tagsüber und am Feuer. Dann hat sie die Gespräche verglichen. Am Tag drehten sich die Unterhaltungen um das Praktische. Rund ein Drittel handelte von wirtschaftlichen Dingen, ein weiteres großes Stück von Beschwerden und Klatsch. Geschichten machten gerade sechs Prozent aus.

Am Feuer kippte alles. Achtzig Prozent der Gespräche im warmen Licht waren nun Geschichten. Vom Streit und vom Rechnen war kaum noch die Rede. Das Licht des Feuers verwandelte die Menschen nicht in müde, sondern in andere Menschen. Es öffnete einen Raum für das, was tagsüber keinen Platz hat: Erzählen, Erinnern, Vorstellen, Lachen. Geschichten und Gaben, sagt Wiessner, seien „die ursprünglichen sozialen Medien“ gewesen. Am Feuer entstand nicht Erholung im Sinne von Nichtstun. Am Feuer entstand Kultur.

Das ist der Gedanke, den wir verloren haben. Der Abend ist keine Restzeit. Er ist eine eigene Bühne, und das Licht entscheidet, welches Stück darauf gespielt wird.

Was helles Licht mit Deiner Nacht macht

Nun kommt die Biologie dazu, und sie gibt der alten Weisheit recht. Unser Körper liest Licht als Uhrzeit. Helles, blaureiches Licht sagt ihm: noch Tag. Und er glaubt es, auch um zweiundzwanzig Uhr.

Gewöhnliches Deckenlicht von hundertfünfzig bis zweihundert Lux kann den Spiegel des Schlafhormons Melatonin innerhalb von zwei Stunden um mehr als die Hälfte senken. Der Körper hält sich für wach, obwohl der Tag längst vorbei ist. Kein Wunder, dass so viele Menschen abends nicht herunterkommen. Sie sitzen, ohne es zu wissen, in ihrer eigenen kleinen Mittagssonne.

Das ist kein Grund für schlechtes Gewissen und keine neue Regel auf einer langen Liste. Es ist einfach eine gute Nachricht. Denn die Lösung ist keine Entbehrung, sondern ein Genuss.

Die Kerze ist kein Accessoire

Eine Kerze gibt nur wenige Lux ab, in warmem, blauarmem Licht. Sie erzählt dem Körper genau das Richtige: Der Tag ist vorbei, Du darfst. Wo die Deckenlampe die innere Uhr durcheinanderbringt, lässt die Kerze sie in Ruhe. Das ist der biologische Teil, und er ist schön genug.

Aber das Eigentliche liegt woanders. Wenn Du am Abend das grelle Licht löschst und eine Kerze anzündest, tust Du dasselbe wie die Menschen am Feuer vor zehntausend Jahren. Du wechselst den Modus. Aus dem Raum, in dem gerechnet und erledigt wird, wird der Raum, in dem gesprochen, gelesen, geträumt wird. Das Licht sinkt, und mit ihm sinkt der Tag von den Schultern.

Es braucht dafür keinen Aufwand und keine Anschaffungsliste. Eine einzige Kerze genügt, um aus einem Zimmer eine andere Zeit zu machen. Das ist vielleicht der schönste Luxus überhaupt: einer, der fast nichts kostet und alles verändert.

Ein langes, gutes Leben besteht ja nicht nur aus richtig getakteten Stunden. Es besteht aus Abenden, die man nicht abarbeitet, sondern bewohnt. Also zünde heute eine Kerze an, nicht aus Pflicht, sondern aus Lebenslust. Der Rest, der bessere Schlaf, die ruhigere Uhr, kommt ganz von selbst dazu. Wie ein Geschenk, das man gar nicht bestellt hat.


Quellen: P. W. Wiessner, „Embers of society: Firelight talk among the Ju/’hoansi Bushmen“, PNAS, 2014 · J. J. Gooley et al., „Exposure to Room Light before Bedtime Suppresses Melatonin Onset“, Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 2011 · Grundlagen der Chronobiologie zu Lichtintensität, Farbtemperatur und Melatonin.

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